Sabine Nuss / Lydia Heller

Intellectual Property Rights und Intellectual Property Left
The Case of the Operating System Linux


Dieser Aufsatz entstand im Rahmen einer Konferenz zu dem Thema "Intellectual Property Rights in Central and Eastern Europe". Träger der Konferenz war das NATO Science Committe. Die Workshops, auf denen rund 30 Beiträge aus Zentral- und Osteuropa vorgestellt und diskutiert wurden, fanden am 4. Juni in Vilnius (Litauen) statt und dauerten zwei Tage. Dieser Vortrag ist nun in dem Buch zur Konferenz* erschienen (auf englisch). Da von verschiedenen Seiten Interesse an der deutschen Version bekundet wurde und es schön wäre, wenn die Debatte zum Thema weiter vertieft werden würde, haben Lydia und ich beschlossen, den Aufsatz auf deutsch im Internet zu publizieren. Über Anregungen, Kritik und sonstige Beiträge freuen wir uns.
 
 
* Intellectual Property Rights in Central and Eastern Europe, The Creation of Favourable Legal and Market Preconditions. Ed. by Elmar Altvater and Kazimiera Prunskiené. NATO Science Series, Number 4: Science and Technology Policy - Vol 25. Vilnius, Berlin 1998


 Abstract:

Den Ausgangspunkt unserer Darstellung bildet die Property-Rights-Theorie, die wir als theoretische Grundlage der privatrechtlichen Eigentumsstruktur von Marktgesellschaften - und damit auch als Grundlage der Intellectual Property Rights - annehmen. Eine ihrer zentralen Thesen besagt, daß Privateigentum ökonomische Effizienz fördert und Gemeineigentum unwirtschaftlich ist. In unserem Vortrag wollen wir diese Theorie auf den Prüfstand stellen. Das tun wir anhand zweier Grundüberlegungen. Erstens: Inwieweit läßt sich die Theorie über das Privateigentum auf Geistiges Eigentum übertragen? Zweitens: Können die zentralen Aussagen in Anbetracht der aktuellen Entwicklung im Bereich der Software-Technologie standhalten? Bei der Untersuchung dieser Fragen gehen wir auf die Entstehungsgeschichte des Betriebssystems Linux ein. 


Inhaltsverzeichnis

I. Die Property-Rights-Theorie

II. Was ist Linux ?

III. Open Source Software
 
IV. Zuviel oder zu wenig Intellectual Property Rights?

Zu den Autorinnen



I. Die Property-Rights-Theorie

Die theoretische Grundlage der eigentumsrechtlichen Konstruktion in Marktgesellschaften und damit auch die des Geistigen Eigentums bildet die Property-Rights Theorie. Sie fußt auf der neoklassischen Mikroökonomik. Eine ihrer zentralen Aussagen ist, daß eine Verteilung der Eigentumsrechte auf mehrere Personen (kollektives Eigentum) oder die Beschränkung der Durchsetzbarkeit einzelner Property Rights zu unwirtschaftlichem Verhalten hinsichtlich der betroffenen Güter führt. Nur private Eigentumsrechte gewährleisten einen effizienten Umgang mit knappen Ressourcen und bieten Anreiz zur Erhöhung der Produktivität. Dies liegt dem Property-Rights-Ansatz zufolge daran, daß die ökonomischen Folgen der Handlungen einzelner Individuen im Falle gemeinschaftlichen Eigentums nicht in vollem Ausmaß von den Individuen getragen werden müssen. Die Väter der Property-Rights-Theorie, Harold Demsetz und Armen Alchian aber auch Douglas C. North, stehen mit ihren Thesen dabei in der Tradition bürgerlicher Eigentumstheorie, die auf John Locke und dessen Schrift "Über die Regierung" (1690) zurückgeht.
Nach Locke wurde die Welt den Menschen gemeinsam gegeben und alles, was die Natur hervorbringt, also Früchte, Tiere usw., dienen den Menschen zu ihrem Unterhalt und zum Genuß ihres Daseins. Sie sind Gemeineigentum. Jeder einzelne Mensch besitzt aber Eigentum an seiner eigenen Person und ein ausschließliches Recht über diese. Ursprüngliches Eigentum eines jeden Menschen sind also nach Locke die Arbeit seines Körpers und das Werk seiner Hände und daher setzt "die Arbeit einen Unterschied zwischen sie und den gemeinschaftlichen Besitz; sie fügte ihnen etwas bei, was mehr war als die Natur, die gemeinsame Mutter von allem, getan hatte, und so wurden sie sein alleiniges, persönliches Recht" (§28). 

Um die Gaben der Natur nun wirklich in Gebrauch zu nehmen, und damit ihrer Bestimmung zuzuführen, müssen sie zunächst in Besitz genommen, z.B. schlicht gesammelt oder gejagt werden. Im Moment der ersten Inbesitznahme, z.B. des Aufsammelns von Früchten, aber wird der Natur von dem entsprechenden Menschen etwas beigemischt, nämlich seine Arbeit. Durch diesen Akt, durch seine Arbeit hat er also ein Stück Natur aus ihrem ursprünglichen Zustand entfernt und ihm etwas eigenes hinzugefügt. Auf diese Weise hat er ein Recht auf dieses Stück Natur erlangt, was das gemeinsame Recht auf diesen Gegenstand, das vorher bestand, ausschließt. Allerdings geht es Locke nicht nur um die - zeitlose - Arbeit des einzelnen Individuums. Er ist ganz Kind seiner Zeit und begreift Arbeit im sozialen Kontext: "Das Gras, das mein Pferd gefressen, der Torf, den mein Knecht gestochen, und das Erz, das ich an irgend einer Stelle gegraben, wo ich ein Recht darauf in Gemeinschaft mit anderen habe, wird auf diese Weise mein Eigentum ohne die Anweisung oder die Zustimmung irgend jemandes. Die Arbeit, die die meinige war, es aus dem gemeinschaftlichen Zustand, in dem es sich befand, zu versetzen, hat kein Eigentum daran festgestellt" (§ 28). Locke versteht also unter "meiner" Arbeit auch die "meiner" Knechte und Pferde. Der Erzeugung von privaten Eigentumsrechten ist also das Herrschaftsverhältnis des Herrn über Natur und Knecht vorausgesetzt, also sowohl ein spezifisches soziales Verhältnis und ein spezifisches gesellschaftliches Naturverhältnis.Gemeineigentum gilt bei Locke also immer in der Welt der unbearbeiteten, ursprünglichen Natur, die als solche für die Menschen zunächst von keinerlei Nutzen ist. Nutzbringend wird sie erst durch Bearbeitung. Sobald sie aber bearbeitet wird, geht sie in das Eigentum des Arbeitenden (im obigen Sinne) über. Folglich schafft nur privates Eigentum Nutzen für die Menschen.Solange der Eigentümer seine erarbeiteten Dinge nutzt, bevor sie verderben, bzw. verderbliche Dinge gegen unverderbliche, z.B. Geld, eintauscht, solange ist sein Eigentum immer rechtmäßig. Eigentum an unverderblichen Sachen sieht Locke nicht als Eingriff in die Rechte anderer, unabhängig davon, wieviel jemand davon anhäuft. Die Möglichkeit, erarbeitetes, verderbliches Eigentum in (unverderbliches) Geld umzutauschen, schafft jedoch gleichzeitig die Voraussetzungen für eine Festschreibung und Anhäufung von Eigentum, denn "wo es nichts gibt, was zugleich dauerhaft, selten und wertvoll genug ist, um gehortet zu werden, werden die Menschen kein Verlangen haben, ihren Besitz [...] zu vergrößern". Mehr noch: Locke sieht nicht nur das private Eigentum als durch Arbeit begründet an, er erkennt darin auch eine Grenze: "Dasselbe Naturrecht, das uns durch dieses Mittel Eigentum gibt, zieht dem Eigentum auch Grenzen..." (§ 31). Und weiter: Locke erkennt bereits, daß die Wahrnehmung der aus dem privaten Eigentum folgenden "property rights" externe Effekte, und zwar paositive wie negative, erzeugt: "Auch lag in dieser Aneignung eines Stückes Land vermittelst Bebauung keine Benachteiligung eines anderen, weil noch genug und von ebenso guter Beschaffenheit übrig war..." (§ 33). Die Konsequenz ist, daß eine Benachteiligung dann erfolgt, wenn nicht mehr genügend Land zur Verfügung steht, an dem es sich lohnt, durch Arbeit "property rights" zu erwerben. 

In diesem Argumentationsschema bewegt sich auch der amerikanische Wirtschaftshistoriker Douglas C. North. Seiner Ansicht nach beruht wirtschaftliches Wachstum in Gesellschaften ganz wesentlich auf effizienten Eigentumsrechten. Effizient sind diese, wenn sie für die Individuen genügend Anreize für eine aktive Beteiligung am Wirtschaftsprozeß schaffen, indem sie ihnen ermöglichen, aus dem gesellschaftlichen Wissensstand individuellen Nutzen zu ziehen. So war die erste wirtschaftliche Revolution nicht deshalb eine Revolution, weil sie die hauptsächliche Wirtschaftstätigkeit vom Jagen und Sammeln zur Landwirtschaft verlagerte. Sie war vielmehr eine Revolution, weil dieser Übergang für den Menschen eine ganz grundlegende Verschiebung der Anreizstruktur, hin zur Erhöhung des individuellen Nutzens bewirkte. Ursache dieser Anreizveränderung war der Wandel vom Gemeineigentum zum Privateigentum, denn es war "die Arbeit, die zuerst ein Eigentumsrecht verlieh" (§45), und Arbeit und Arbeitsteilung, so später Adam Smith, sind die Basis für den "Reichtum der Nationen". Auch für North gibt es wenig Anreiz zum Erlernen einer besseren Technik oder zum Erwerb größeren Wissens, wenn die Subsistenzmittel im Gemeineigentum bleiben. Exklusive Eigentumsrechte, die dem Eigentümer etwas einbringen, bieten dagegen einen unmittelbaren Anreiz zur Erhöhung von Effizienz und Produktivität. Der rasche Fortschritt der Menschheit in den letzten 10000 Jahren - im Unterschied zu ihrer langsamen Entwicklung in der langen Zeit des primitiven Jagens und Sammelns davor - findet demnach seine Ursache im historischen Wandel der durch das Privateigentum veränderten Anreizstruktur wirtschaftlicher Akteure. Eigentums- und Verfügungsrechte selbst ändern sich North zufolge immer dann, wenn sich die Kosten verändern, die zu deren Einführung, Durchsetzung und Befolgung aufgewendet werden müssen. Je weniger diese Transaktionskosten letztlich den Ertrag der Eigentümer beschränken, desto effizienter ist das zugrunde liegende Eigentumsrecht. Am Gemeineigentum kritisiert auch North, wie Demsetz und Alchian, daß es in erster Linie Anreize zur exzessiven Beanspruchung der Güter bzw. Ressourcen schafft, jedoch keine Anreize zu deren Pflege und schonender Nutzung. Dies ist auch das Thema von Garrett Hardin in seiner berühmt gewordenen These von der "Tragedy of the Commons". 

Vor dem Hintergrund dieser anthropologisch bzw. historisch hergeleiteten Theorien, die dem Privateigentum eine effizienzsteigernde Wirkung zuerkennen und umgekehrt dem Gemeineigentum diese Eigenschaft absprechen, ergeben sich für uns im Zusammenhang mit den Bemühungen, eine privatrechtliche Nutzung auch Geistigen Eigentums zu gewährleisten, folgende Überlegungen: 

(1) Zunächst erscheint es uns fraglich, ob sich der Property-Rights-Ansatz problemlos auf Geistiges Eigentum übertragen läßt. Denn bevor Privateigentum die ihm zugeschriebene Effizienz und Produktivität erzeugen kann, muß es als solches zu erkennen sein: Um eine Sache "mein eigen" nennen zu können, bedarf es ihrer Abgrenzung gegenüber einer Sache, die "nicht mein" ist. Eigentumsansprüche basieren also auf dem "Exklusionsprinzip" (Musgrave). Bei einer materiellen Sache, wie einem Stück Land beispielsweise, ist das Problem der Abgrenzung leicht lösbar. Man zieht einen Zaun um ein paar Quadratmeter Wiese und stellt ein Schild auf: "Private Property". Allerdings muß dieses Schild Anerkennung finden, das private Eigentum an einer Immobilie also legitimiert werden, beispielsweise durch "Lehen" oder in modernen Gesellschaften durch Katastrierung und Eintragung ins Grundbuch. Im Gegensatz zu materiellen Dingen lassen sich immaterielle Gedanken als Grundlage von geistigem "Eigentum" nur äußerst schwer abgrenzen, eindeutig ihrem "Erzeuger" zuordnen und andere von ihrer Nutzanwendung exklusidieren. Äußert man einen Gedanken, können ihn sofort auch andere besitzen, ohne daß man selbst etwas verloren hat. Wissenschaftliche Forschungsergebniss oder Computer-Programme sind beliebig zu vervielfältigen, ohne daß die Qualität der Nutzung darunter leiden würde. Die Kritik am Gemeineigentum, es würde eine Verschwendung von Ressourcen hervorrufen, greift also im Falle von Geistigem Eigentum nicht. Gedanken, Ideen, ein Bestand an Wissen, Programme etc. lassen sich nicht übernutzen oder gar aufbrauchen. Eine Knappheit an Ressourcen, die ja erst einen effizienteren Umgang damit notwendig machen und so den Anreiz zum Erwerb größeren Wissens und zur Aneignung neuer Techniken schaffen soll, besteht demnach bei immateriellen Dingen nicht, es sei denn, die Knappheit wird künstlich erzeugt. Das ist dann der Fall, wenn zum Beispiel dem Menschen der Zugang zu vorhandenem Wissen verwehrt wird. Durch patentschutzrechtliche Ausschlußregelungen erfährt die Ressource Wissen eine artifizielle Einschränkung. Ganz besonders stellt sich dieses Problem im Bereich der Wissenschaft. Wissen lebt von ständigen Veränderungen und Erweiterungen, um sich weiter entwickeln zu können. Es ist auf Kooperation vieler Mitwirkenden angewiesen. Je größer und vielfältiger der geistige Input, desto progressiver (und effizienter) ist die Forschung. 

Das gilt auch für den Bereich der Software-Entwicklung. Wie wir im Folgenden zeigen werden, kann hier der patentrechtliche Schutz von geistigem Eigentum den Progress bremsen. Der Schwerpunkt unserer Betrachtungen rankt sich um die These, nur Privateigentum gäbe einen Anreiz zur Entwicklung und zum Erlernen einer neuen Technik. Eine stetig wachsende Gruppe von Entwicklern und Anwendern im Bereich der Software-Technologie, die auf Basis von "Gemeineigentum" unter dem Label "Copy Left" effektive Produktentwicklung vorantreibt, scheint das Gegenteil zu beweisen. Stellvertretend für diesen Trend wollen wir die Entstehungsgeschichte des PC-Betriebssystems Linux erläutern. Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwieweit Linux als wegweisend für den Umgang mit geistigen, immateriellen Produkten angesehen werden kann. 


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II. Was ist Linux ? 

Linux ist ein frei verfügbares Betriebssystem für Personal Computer. Ein Betriebssystem ist eine Sammlung von Programmen und Unterprogrammen, die die Aufgabe haben, die Hardware - im weitesten Sinne - zu verwalten. Es ist im Grunde die Schnittstelle zwischen Mensch und Computer. 

Linux geht auf die Anfänge von UNIX zurück. UNIX wiederum ist eines der mächtigsten Betriebssysteme der Welt. Zu Beginn der siebziger Jahre entstand es in den Bell-Laboratorien des amerikanischen Telekommunikation-Konzerns AT&T. Weil es damals noch unmittelbar keine Verwendung dafür gab, vergab AT&T Lizenzen für Studienzwecke an Universitäten. Generationen von Studenten haben diese Software überarbeitet, verändert und erweitert. Davon haben fast alle heute kommerziell verfügbaren Betriebssysteme profitiert. Als in den 80er Jahren verschiedene Firmen (u.a. IBM und Sun) dieses UNIX als ideales Betriebssystem für ihre technischen Arbeitsstationen und Server entdeckten, schränkte AT&T diese Freiheiten wieder ein und verlangte Lizenzgebühren. Sehr viele Firmen benutzen UNIX heutzutage um die Netzwerke ihrer Unternehmen zu steuern. Der überwiegende Teil der Internet-Computer dieser Erde arbeitet mit UNIX. 

Auf dieser Basis wurde Ende der 80er Jahre vorerst unabhängig voneinander an verschiedenen Orten der Welt die Idee für ein frei zugängliches Betriebssystem geboren. In Finnland entwickelte der Informatik-Student Linus Torvalds im Rahmen seines Studiums ein kleines System, welches die Grundlogik von UNIX nachbildete. Unzählige Freiwillige und Freunde waren ihm dabei behilflich. Die ersten Früchte dieser Arbeit veröffentlichte Linus Torvalds 1991 im Internet. Im Laufe der Jahre wuchs die Gruppe derer, die sich via E-Mail an der Entwicklung des Betriebssystem beteiligten. Tausende freiwilliger Programmierer investierten Zeit, Ideen und Kreativität in die Entwicklung von Linux. Viele dieser Linux-Entwickler sind Informatik-Studenten, die für die Arbeit an diesem Betriebssystem Seminarscheine bekommen oder Programmierer, die in ihrer Freizeit daran mitarbeiten. 

Heute kann sich Linux mit kommerziellen Produkten wie Windows und UNIX vergleichen. Das amerikanische Fachblatt Infoworld kürte jüngst eine der Linux-Versionen zum besten Betriebssystem des Jahres. Fragt man überzeugte Linux-User nach ihrem Urteil zum Konkurrenz-Produkt von Microsoft, bekommt man mitunter eine eindeutige Antwort: "Hiroshima 45, Tschernobyl 86, Windows 95". Linux läuft gegenwärtig weltweit auf schätzungsweise fünf Millionen Computern (in Universitäten, Privathaushalten und teilweise auch bereits in kommerziellen Unternehmen). In Deutschland benutzen nach einer aktuellen Umfrage von Datapro, einem amerikanischen Meinungsforschungsinstitut, 27 Prozent deutscher Unternehmen das Betriebssystem Linux. 
 Man sollte meinen, daß eine Gruppe aus vielen Programmierern, die gleichzeitig an einem kompletten Betriebssystem arbeiten, eigentlich nichts zustande bringen könnte. Zu Anfang war Linux als ein System "von Hackern für Hacker'' bekannt. Nach einiger Zeit jedoch wurde klar, daß hier eine der effektivsten Entwicklungen in der Programmierung stattfand. Ausschlaggebend für den Erfolg von Linux war, daß es von allen Entwicklern gleichermaßen genutzt werden konnte und ein kostenloser Zugriff auf die dafür benötigten Werkzeuge gewährleistet war. Ein großer Teil der für die Entwicklung von Linux benötigten Software stammte aus dem Fundus der Free Software Foundation (FSF). Die FSF wurde in den 80er Jahren in den USA von dem Programmierer Richard Stallman aus Protest gegen die Politik von AT&T (Lizenzierung von UNIX in den 80er Jahren) gegründet, ebenfalls mit dem Ziel, ein frei zugängliches Betriebssystem zu entwickeln. Dem allen lag die Notwendigkeit zugrunde, das Recht auf Geistiges Eigentum auf den Kopf zu stellen, d.h. die Effizienz-Potentiale des Gemeineigentums zu mobilisieren. Dies soll nun im Folgenden erläutert werden. 


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III. Open Source Software 

Software wird in einer Programmiersprache geschrieben. Damit der Computer eine solche Sprache lesen kann, muß man sie mit einem sogenannten Compiler maschinenlesbar machen, also übersetzen. Erst dann läuft das Programm auf dem Computer. Einmal übersetzt, ist die ursprüngliche Programmiersprache für das Funktionieren des Programms nicht mehr notwendig. Ein Programm, welches in Form dieser ursprünglichen Programmiersprache (vor der Übersetzung) vorliegt, nennt man Quellcode. Er ist vergleichbar mit dem geheim gehaltenen Rezept von Coca Cola. Niemand kann ohne den Quellcode die Software verändern oder weiterentwickeln. Von einem lauffähigen Programm auf seinen Quellcode zurückzuschließen, ist ebenso unmöglich bzw. unverhältnismäßig aufwendig, wie anhand des Geschmacks von Coca Cola deren Ingredienzen zu erraten. Kommerzielle Software-Firmen behalten bei der Auslieferung ihrer Software denn auch den Quellcode zurück und stellen ihn mitsamt dem Software-Produkt unter Urheberrecht. 

Um dieser Patentierung von Software und der damit verbundenen Kommerzialisierung etwas entgegenzusetzen, gründete sich die Free Software Foundation (FSF). Ziel war es, ähnlich wie bei Linux, ein für alle frei zugängliches, kostenloses Betriebssystem mit dem Namen GNU (GNU is not Unix) als Alternative zum kostenpflichtigen UNIX zu entwickeln. Die Philosophie dahinter erklärt die FSF auf ihrer GNU-Homepage: "The GNU project was conceived in 1983 as a way of bringing back the cooperative spirit that prevailed in the computing community in earlier days---to make cooperation possible once again by removing the obstacles to cooperation imposed by the owners of proprietary software. In 1971, when Richard Stallman, started his career at Massachusetts Institute of Technology (MIT), he worked in a group which used free software exclusively. Even computer companies often distributed free software. Programmers were free to cooperate with each other, and often did. By the 1980s, almost all software was proprietary, which means that it had owners who forbid and prevent cooperation by users. This made the GNU project necessary. Every computer user needs an operating system; if there is no free operating system, then you can't even get started using a computer without resorting to proprietary software. So the first item on the free software agenda is a free operating system." 

By the 1990s, the Programmers of GNU had either found or written all the major components except one--the kernel (im Wortsinne der Kern eines Betriebssystems). Just in dieser Zeit stellte, wie bereits oben erläutert, Linus Torvalds sein Mini-Betriebssystem ins Internet. Combining Linux with the almost-complete GNU system resulted in a complete operating system: a Linux-based GNU system.

However, the GNU project is not limited to operating systems. The GNU-Programmers aims to provide a whole spectrum of software, whatever many users want to have. This includes application software. They also wants to provide software for users who are not computer experts. Actually they are working on a drag-and-drop icon desktop to help beginners use the GNU system. In addition they also want to provide games and other recreations. Some free games are already available. 

How far can free software go? "There are no limits", so the answer from the GNU-Community, "except when laws such as the patent system prohibit free software entirely. The ultimate goal is to provide free software to do all of the jobs computer users want to do--and thus make proprietary software obsolete". 
Die Free Software Foundation entwickelte schließlich das Konzept von "Copyleft" statt "Copyright". Es gewährleistet, daß Programme grundsätzlich kostenlos sind und nach Belieben verändert werden dürfen. Die FSF kehrt den Zweck der Intellectual Property Rights um: Unter ihrer Ägide steht die GNU General Public License (GNU GPL). Diese Lizenz schützt Autoren von Software-Programmen vor jeglicher Aneignung als Privateigentum. Software, die diesem Prinzip unterworfen ist, wird zu einem öffentlichen Gut, vergleichbar mit einem Park, der von den Bürgern gepflegt wird. Kein Einzelner darf dieses Gut exklusiv besitzen. Ob Hobbyprogrammierer, Informatikstudenten oder Unternehmen - alle dürfen Verbesserungsvorschläge machen. Welche schließlich übernommen werden, entscheiden meist die ursprünglichen Autoren eines Programms. Die GPL verleiht jenen, die sich GNU-Software für welchen Zweck auch immer beschaffen, drei im Folgenden spezifizierte Freiheiten: "First, the freedom to copy the program and give it away to your friends and co-workers; second, the freedom to change the program as you wish, by having full access to source code; third, the freedom to distribute an improved version and thus help build the community". 

Die Philosophie dieser open source software spricht gegen die Effektivität von Privateigentum, wie sie in der oben erwähnten Theorie unterstellt wird. Richard Stallmann vertritt die gegenteilige Ansicht, nämlich daß Besitzrechte an Software eine Verschwendung sind und der Gesellschaft schaden. Die Effektivität bei der Produktion von Software wurde durch den Verzicht auf exklusive Eigentumsrechten und der Vielzahl von Mitentwicklern, die sich kein Unternehmen leisten könnte gegenüber kommerziellen Produkten um ein Vielfaches erhöht. 

Der Grundsatz des Gemeineigentums bewirkt für die Linux-Gemeinde bzw. die Mitglieder der FSF also eine bedeutende Verringerung der Transaktionskosten. So mindert z.B. der selbständige und jederzeit mögliche Zugriff auf benötigte Software und Entwicklungen anderer Mitglieder der Gemeinde über das Internet Informationskosten und gewährleistet eine weitaus flexiblere Koordination der Beteiligten, als das für angestellte Entwickler in einer isolierten kommerziellen Software-Firma möglich wäre. Eine Reaktion auf entdeckte Fehler ist so schneller möglich, Verbesserungsvorschläge gehen zahlreicher ein und können daher eher umgesetzt werden. Zudem entstehen innerhalb der Gemeinde freier Software-Entwickler keine Kosten für die "Überwachung" der allen zugänglich gemachten Nutzungsrechte - sie ist schlicht obsolet. Damit entfallen Kosten, die die Software-Entwickler für die Durchsetzung ihrer Eigentumsrechte entrichten müssten. 

Zunächst sieht es so aus, als sei dieser Trend hin zum kollektiven Eigentum an Produktionsmitteln ein Randphänomen, dessen Auswirkungen sich nur in praxisfernen Sphären einer sehr speziellen Branche niederschlagen. Dem ist aber nicht so: Ohne die open source software-Bewegung wäre das Internet nicht auf dem technologischen Stand wie wir es heute erleben. Die Hälfte der Server-Computer, die die Web-Seiten versenden, läuft mit Apache, einem kostenlosen Programm, das die Schöpfer ständig weiterentwickeln und verbessern. Genauso sieht es aus mit den Internet-Protokollen, die den Datentransfer zwischen den weltweit vernetzten Computern ermöglichen. Diese Programme sind ebenfalls frei zugänglich. Auch die Netscape Communications Corporation, Mountain View, California, hat nun entdeckt, welch schöpferisches Potential in kollektiver Arbeit steckt. Sie hat jüngst den Quellcode ihres bekannten World Wide Web Browsers Netscape Communicator freigegeben und ins Internet gestellt, in der Hoffnung, daß Programmierer weltweit daran entwickeln und das Produkt vervollkommnen. 
 An dieser Stelle soll einem Mißverständnis entgegengewirkt werden: Steht ein Software-Programm unter der GNU General Public License, bedeutet das nicht, daß es verboten ist, Geld damit zu verdienen. Natürlich ist es erlaubt, ein Software-Programm der FSF zu vertreiben. Verdient werden darf allerdings nur an den zusätzlichen Dienstleistungen, zum Beispiel am Vertrieb oder am physikalischen Transfer von Programmen. Rund um Linux ist inzwischen eine kleine kommerzielle Software-Industrie entstanden. Einige Software-Firmen haben das kostenlose Basis-Betriebssystem von Linux weiterentwickelt und auf spezielle Kunden-Bedürfnisse zugeschnitten. Vertreiben sie dieses System, dürfen sie für Support und Beratung oder die Herstellung eines dazugehörigen Handbuchs Geld verlangen. 


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IV. Zuviel oder zu wenig Intellectual Property Rights?
 

In Anbetracht dieser Entwicklung im Bereich der Programmierung muß die These, nur Privateigentum sorge für ökonomische Effizienz, hinterfragt werden. Zumindest im Bereich der Software-Entwicklung zeigt es sich, daß sich offensichtlich gerade durch Gemeineigentum, was in diesem speziellen Falle heißt, jeder hat freien Zugriff auf das Gut, Effektivität erzielen läßt. Die enorme Anzahl von "Gemeineigentümern" und Mitentwicklern kommt der Qualität des Produkts zugute: Tausend Leute können auf einen weitaus größeren Pool an Wissen und Erfahrung zurückgreifen, sehen mehr Fehler an einem Programm und können diese schneller beheben, als ein kleines Entwickler-Team einer kommerziellen Firma, deren Quellcode streng patentiert und geheim gehalten wird. Um ein vergleichbares Resultat vorweisen zu können, muß dort zumindest ein ungleich höherer Aufwand betrieben werden, der auch mit höheren Kosten verbunden ist. Im Sinne der Minimierung der Transaktionskosten scheint die organisatorische Struktur der Linux-Gemeinde, bzw. der FSF, daher ebenfalls die größere Effizienz aufzuweisen. Wendet man nun die These von Douglas C. North auf unser Linux-Beispiel an, nach welcher veränderte Transaktionskosten eine Wandlung der Eigentumsrechte bewirken, so scheint dies zumindest auf dem Gebiet der Softwareentwicklung und Kommunikationstechnik auf eine solche Änderung hinzuweisen. 

Bei der Entwicklung von Software scheint kollektives Eigentum an Produktionsmitteln progressiv zu wirken. Bleibt die Frage, ob das nun an der spezifischen Materie dieser Technologie-Branche liegt oder ob dies auch übertragbar ist auf andere Arten von geistiger Produktion. Offensichtlich ist zunächst, daß der Erfolg von Linux auf eine Art "vollständige Kooperation" zurückgeht, die auf einem wechselseitigen freiwilligen Bereitstellen von Wissen und Erfahrung einerseits und dem gewährleisteten kostenlosen und unbeschränkten Zugriff darauf andererseits basiert. Nur dadurch ist eine möglichst maximale Nutzung dieser Ressourcen gegeben, welche die Grundlage für eine hohe Qualität des entsprechenden Produktes bildet. 

Dieser Sachverhalt läßt sich unserer Ansicht nach durchaus auf andere Bereiche der Wissenschaft und Forschung ausweiten. Wird hier der Zugang zu bereits vorhandenem Wissen durch private Eigentumsansprüche verweigert oder eingeschränkt, so bedeutet das auch den Ausschluß einer Vielzahl interessierter Menschen von der möglichen Weiterentwicklung und Verbesserung dieses Wissensstandes. Den Ergebnissen selbst und der Gesellschaft kann Privateigentum hier demnach eher schaden als nützen. Aber worin liegt der individuelle Motivations-Anreiz, der ja in der Theorie dem "Gemeineigentum" per se abgesprochen wird? Zum einen gibt es auch nicht-monetäre Anreize, etwas zu tun. So erklärt Richard Stallman von der FSF die Motivation der freien Software-Entwickler wie folgt: "They got many kinds of non-monetary rewards: fame and appreciation, for example. And creativity is also fun, a reward in itself." Motiv der Free Software-Entwickler ist es also nicht, auf Basis proprietärer Software möglichst viel Geld zu verdienen. 

Zum andern besteht der Anreiz auch darin, ein gutes Produkt herzustellen. Ein Produkt, welches leistungsfähiger ist als jenes, welches der kommerzielle Markt bietet. Das weist zumindest auf einen wichtigen Aspekt: Der Markt scheint es offensichtlich nicht zu richten. Hätte sich das World Wide Web unter den Bedingungen des Marktes entwickeln müssen, also ohne freien Zugriff auf Software und ohne die riesige Anzahl freiwilliger Mitentwickler, würde es heute noch in den Kinderschuhen stecken. Nur die rasante Entwicklung des Internet auf Basis der freien Verfügbarkeit von Wissen konnte die weltweite Kooperation schaffen, die das Betriebssystem Linux überhaupt erst möglich machte. Man kann davon ausgehen, daß zukünftig ein weltweiter Austausch von Daten, Nachrichten, Wissen etc. durch immer schnellere, präzisere und flexiblere Kommunikationstechnik in noch größerem Umfang gewährleistet sein wird. Im Gegenzug werden die Möglichkeiten, geistige Produkte eindeutig abzugrenzen, zuzuordnen und deren Gebrauch zu schützen, abnehmen, bzw. wird dies mit immer größerem Aufwand und Kosten verbunden sein. Das aber gerade auf Abgrenzung und Ausschluß der Mehrheit beruhende private Eigentum muß daher auf diesem Gebiet an seine Grenzen stoßen. 

Daß Privateigentum schon per se als Stimulus fungiert und Gemeineigentum Anreize ausschließt, ist zentrale Aussage der traditionellen bürgerlichen Eigentumstheorie seit John Locke. Diese These wurde von der Transformations-Theorie der postsozialistischen Länder adaptiert: Die verschiedenen Privatisierungsprogramme wurden in der Hoffnung auf mehr Effizienz initiiert. Unserer Ansicht nach ist es jedoch wichtig, diese schwarz-weiß-Philosophie zu relativieren. Eine differenziertere Betrachtungsweise von Privateigentum muß die Überlegung einbeziehen, in welchem Kontext und in welchen funktionalen Zusammenhängen Privateigentum effizienz-fördernd oder gegenüber der beabsichtigten Effizienzsteigerung kontraproduktiv wirkt. Solch eine Überlegung ist nicht zuletzt in Anbetracht der Tatsache, daß Privateigentum immer auch Ausschluß bedeutet, von großem Wert. Bezüglich Geistiger Arbeit bedeuten Intellectual Property Rights, wenn auch nur temporär, einen Ausschluß von Wissen, welches bei freiem Zugang progressiv nutzbar und damit von großem gesamtgesellschaftlichem Nutzwert wäre. 

Während die postsozialistischen Länder sich derzeit bemühen, die Eigentumsregelungen innerhalb der WTO und der OECD-Länder zu übernehmen, entwickelt sich gerade im Westen im Bereich der Software-Technologie eine entgegengesetzte Philosophie, nämlich die der "Intellectual Property Left". Diesen Trend vor Augen scheint es ratsam, sich noch einmal theoretisch mit der Funktion und dem Nutzen von Privateigentum auseinander zu setzen, das heißt auch die Aussagen der bürgerlichen Eigentumstheoretiker kritisch zu überprüfen. Es sollte vorrangiges Ziel sein, bei der Einführung von Intellectual Property Rights sensibler zu differenzieren und nicht alles fraglos den Erfordernissen des Marktes unterzuordnen. Auf das Geistige Eigentum bezogen heißt das: Wann kann ein "Zuviel" an Intellectual Property Rights schaden und wann ist weniger mehr ? 

ã Dieser Denkprozeß und seine Ergebnisse sind für alle frei zugänglich. Sie werden nicht unter den Schutz von Intellectual Property Rights gestellt. 

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Zu den Autorinnen:
Lydia Heller ist Kommunikationswissenschaftlerin und lebt in Berlin. Derzeit wissenschaftliche Mitarbeit an einem Projekt zur Evaluierung der Beruflichen Erstausbildungsförderung im Land Brandenburg, FU-Berlin, Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaften.
 
 
Sabine Nuss ist Journalistin und Politologin, Redaktionsmitglied bei der Prokla, Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaften und lebt in Berlin.

Diese Seite wurde am 31. Oktober 1998 erstellt von Sabine Nuss
Zuletzt geändert: 08. Februar 2002