Kondoismus und Kapital

Haben Sie heute schon Ihre T-Shirts zu kleinen Päckchen gefaltet oder etwas weggeworfen, weil es in Ihnen beim Anfassen keine Freude entfacht hat? Dann haben Sie wahrscheinlich die Reality-Show »Aufräumen mit Marie Kondo« gesehen.

Im Januar hat der Streamingdienst Netflix die erste Staffel dieser neuen Serie gestartet. Man kann dabei zugucken, wie die japanische »Aufräum-Beraterin« Marie Kondo anderen Leuten das Ausmisten und Sortieren erklärt. Schon nach kurzer Zeit avancierte die Serie zur erfolgreichsten ihres Genres. Seither rätseln Journalisten: Was ist so interessant daran, anderen Leuten beim Aufräumen zuzusehen? Der Hype ist auch deshalb erstaunlich, weil Marie Kondo keine Unbekannte ist. Bereits mit ihren Büchern über »Magic Cleaning« belegte sie Spitzenplätze von Bestsellerlisten, in fast 40 Sprachen wurden die Ratgeber übersetzt, mittlerweile ist sie Millionärin, in den USA sagt man schon »to kondo«: sein Leben aufräumen. Das »Time Magazine« zählte sie 2015 zu den einflussreichsten Frauen der Welt.

Die Netflix-Serie hat den KondoHype nun noch einmal befeuert. Es fällt
wohl ins Gewicht, was für alle Reality-Shows gilt: Sie faszinieren ihre
Fans, weil sie einen Blick in normalerweise der Öffentlichkeit entzogene
Privatsphären ermöglichen. Es geht da nicht zu wie auf der glanzvollen
Bühne der Prominenz, sondern wie zu Hause. Man kann sich identifizieren:
Guck, denen geht es auch nicht besser. Die Menschen, die von Frau Kondo
besucht werden, verzweifeln unter der Last ihres Hab und Guts. Sie haben
zu viel von allem. Die Kamera entblößt schonungslos Kartons voller
Hausrat, bis zur Decke gestapelt, Geschirr- und Kleiderberge, mit
Spielsachen übersäte Böden, sie hält unbeeindruckt auf über Hausrat
stürzende Mütter, auf handfeste Konflikte darüber, wo wer was wieder
verlegt hat, auf peinlich berührte Gesichter.

Die Philosophie, die erlernt werden muss, folgt dem bekannten Kondo-Schema: Der Hausrat wird nach bestimmten Kategorien ausgewählt und zu einem Berg gestapelt. Dann wird jedes einzelne Stück in die Hand genommen und inne gehalten. Man soll in sich hineinspüren: Entfacht der Gegenstand Freude oder merkt man nichts? Im ersten Fall: als Päckchen Falten, in eine Kommode stellen, in ein Kistchen legen. Im zweiten Fall: ab in die Mülltonne. So etwas dauert und Marie Kondo, die Fernsehkamera und die Assistentin begleiten den Fortschritt, befragen das Befinden, ermuntern und erklären: »Die Unordnung im Zimmer entspricht der Unordnung im Herzen.« Am Ende sieht man helle, aufgeräumte, schöne Räume, gefolgt von Katharsis und: Tränen.

Marie Kondo macht mehr als Socken falten. Sie verändert Leben, sie kittet den Schrank- und Familienfrieden, sie rettet Seelen. Der Identifikationsgrad der Kondo-Show ist hoch, selbst wenn man bei sich zu Hause eigentlich alles schon ordentlich genug findet, ertappt man sich dabei, wie man T-Shirts testhalber in kleine Pakete faltet, die dann stehen sollen. (Klappt nicht.) Oder wie man eine bislang unbescholten im Regal stehende Dose in die Hand nimmt, um in sich zu fühlen: Entfacht sie Freude? (Tut sie nicht.)

Es wird nun viel darüber philosophiert, wie wir dieses Phänomen zu verstehen haben. Sind das Luxusprobleme des Globalen Nordens, ein Beleg für Wohlstandsmüll, für ein System, das selbst die Entsorgung seiner Symbole noch vermarktet? Hat es etwas damit zu tun, dass der Konsum emotionale Defizite kompensiert – nach dem Motto: Werde ich nicht geliebt, kauf ich etwas. Ja, es stimmt vielleicht: Der Ausmist-Hype zeigt die hässliche Fratze der ungeheuren Warensammlung, die überquillt wie der süße Brei in Grimms Märchen, während anderswo Menschen hungern.

Und was passiert, wenn Frau Kondo wieder weg ist? Man erfährt es nicht.
In einer anderen ähnlichen Serie – »Consumed. Jetzt wird ausgemistet« –
werden die Leute später noch einmal besucht. Dann sind die Räume schon
nicht mehr ganz so leer. Eine Mutter möchte erneutes Zumüllen
verhindern. Ihre Lösung: Für jedes neu gekaufte Ding muss die Familie
zwei wegwerfen.

So ist der Kondoismus Teil einer Kette: Die Werbeindustrie erfindet
Bedürfnisse, wo vorher keine waren. Der Kapitalismus produziert, was die
Bedürfnisse stillt. Und Frau Kondo kehrt die Häuser leer, damit wieder
Platz für Nachschub ist.

Denn sollten die Häuser leer bleiben, wäre das kein Spaß fürs Kapital.
Die Industrie weiß das. Lego-Singapur hat jüngst einen Werbespot
gedreht, in dem Frau Kondo als Lego-Figur inmitten von Tausenden
Legosteinen steht. Im Gegensatz zum Motto der Ausmistberaterin, laut dem
man solle sich von allem trennen soll, was keine Freude auslöst, heißt
es da: »But everything sparks joy.« Es macht doch alles Freude.
Sabine Nuss ist Verlegerin des Dietz Verlages Berlin und hat über
Eigentumsfragen im digitalen Kapitalismus promoviert.