Warum sich die Werke von Karl Marx so gut wie selten zuvor verkaufen

Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung
Von Burkhard Ewert, 02.05.2018, 06:00 Uhr

Osnabrück. 200 Jahre nach seinem Geburtstag feiert die Linke Karl Marx wie einen Popstar und verkaufen sich seine Bücher so gut wie selten zuvor. Warum? Die Herausgeberin der Marx-Engels-Werke und Geschäftsführerin des Karl-Dietz-Verlages, Sabine Nuss, gibt im NOZ-Interview Auskunft.

Mit Blick auf die Bände seines Hauptwerks „Das Kapital“ sagte Nuss, vom Jahr 2016 (2297 Stück) auf 2017 (2650 Stück) sei der Verkauf um rund 20 Prozent gestiegen. „In diesem Jahr erwarten wir auf Basis der ersten Monate einen erneuten Zuwachs auf deutlich mehr als 3000 Stück. Das ist für ein historisches Werk eine immens hohe Zahl, die nur die wenigsten aktuellen wissenschaftlichen Titel erreichen“, erklärte sie.

Befreit von Dogmatismus und ideologischer Vereinnahmung der Vergangenheit verkörpere Marx heute das „schlechte Gewissen des Kapitalismus“, erklärt sich Nuss das Interesse. Mit seiner Kritik docke er an „Alltagserfahrungen“ an und sei „Projektionsfläche für die Suche nach Erklärung für die Komplexität der Welt“.

Das Interview im Wortlaut:

Frau Dr. Nuss, die Rosa-Luxemburg-Stiftung hält diese Woche den größten Marx-Kongress der letzten Jahre ab. Warum?

Wir nehmen seinen 200. Geburtstag zum Anlass für die Frage, was uns Marx und der Marxismus im 21. Jahrhundert noch zu sagen haben.

Die Linke feiert Marx wie einen Popstar. Aber gehen auf die marxistisch-leninistische Weltanschauung nicht Millionen Tote in aller Welt zurück, wurden Millionen DDR-Bürger nicht im Namen des Sozialismus eingesperrt und drangsaliert? Was gibt es da zu jubeln?

Die Frage setzt die Annahme voraus, dass man Marx‘ Schriften unmittelbar für das verantwortlich machen kann, was in der Zeit nach ihm unter Berufung auf ihn geschehen ist. Aber Marxismus-Leninismus wurde zur Staatsideologie des Stalinismus, einem Schreckensregime, ohne Frage, das allerdings lang nach Marx‘ Tod geformt wurde. Jetzt kann man darüber streiten, ob man ein Denkgebäude für eine spätere politische Praxis verantwortlich machen kann. Ich meine nein. Marx soll übrigens selbst gesagt haben, dass er kein Marxist sei. Der Personenkult um ihn begann schon zu seiner Zeit, er hat das stets abgelehnt. Außerdem muss man genauer hingucken, wie „Diktatur des Proletariats“, was man heute als Beleg für totalitäres Denken anführt, von Marx gemeint war. Nach Marx war nicht die Herrschaft einer Klasse über die andere Klasse das Ziel, sondern die klassenlose Gesellschaft. Marx war übrigens selbst politisch verfolgt. Er lebte im Exil, seine Schriften wurden zensiert und verboten. Es scheint mir ausgeschlossen, dass er einem autoritären Regime das Wort geredet hätte.

Inwiefern ist Marx noch aktuell?

Sehr. Man muss Marx aber immer im Kontext seiner Zeit lesen. Nehmen Sie das Kommunistische Manifest von 1848. Mit dieser Schrift spannte Marx in seiner frühen Phase den Bogen zwischen sozialer Revolution und dem Ziel der bürgerlichen Freiheit als Befreiung von Ständewesen, Willkür und Obrigkeit. Parallel gibt es den späten Marx mit dem „Kapital“ als Hauptwerk. In dieser bis heute umfassendsten Analyse des Kapitalismus‘ hatte Marx den Kapitalismus im England des 19. Jahrhunderts vor Augen. Das ist natürlich nicht mehr aktuell. Aber die grundsätzlichen Strukturen sind immer noch gültig, dazu gehören Kategorien wie Ware, Wert, Preis, Konkurrenz, Profit, Ausbeutung, etc.

Ist Marx im Westen sogar anerkannter denn je?

Eindeutig. Blicken Sie in seine Geburtsstadt Trier, wo Marx derzeit nicht als ideologische, sondern als historische Figur beschrieben und ohne jede Berührungsangst als Tourismusfaktor vermarktet wird. 30 Jahre nach der Wende ist er befreit von der Erblast des Dogmatischen und der ideologischen Vereinnahmung durch den real existierenden Sozialismus. Man kann sich jetzt unbefangener mit ihm auseinandersetzen. Und Marx verkörpert heute das schlechte Gewissen des Kapitalismus. Mit seiner Kritik dockt er an Alltagserfahrungen an. Er ist Projektionsfläche für die Suche nach Erklärung für die Komplexität der Welt.

… auch für den Wunsch nach Klassenkampf?

Wohl eher nicht. Klar, es gibt immer noch Klassen, so wie Marx es beschrieben hat als eine gesellschaftliche Teilung in jene, die andere für sich arbeiten lassen können, und die anderen, die das eben tun müssen. In diesem Ausbeutungsverhältnis sind Letztere erpressbar, man kann sie gegeneinander ausspielen. Marx hat deshalb aktiv dazu beigetragen, dass sich diese Menschen zusammentun. Heute sagt man ,Ausbeutung‘ nur, wenn jemand wirklich wenig Geld kriegt oder unter schlimmsten Bedingungen arbeiten muss. So meinte Marx das aber nicht. Er wusste, dass auch gut bezahlte Arbeitskräfte ausgebeutet sind. Die wenigsten aber werden heute ihren Job als Zustand der Ausbeutung im marxschen Sinne infrage stellen. Stattdessen sagen die Leute: ,Wieso, wir sind doch gleich und frei, ich tausche meine Arbeit gegen Geld ganz freiwillig.‘

Ist es denn nicht so, dass Industrialisierung und Globalisierung der Welt ungeheuren Wohlstand gebracht haben? Die Lebensverhältnisse, die Marx bei seinen Analysen zugrunde legte, sind doch Geschichte?

Klar, in Europa oder in der industrialisierten Welt hat es enorme Verbesserungen gegeben. Die tägliche Arbeitszeit ist gesunken, es gibt Arbeitsschutzbestimmungen, Kinderarbeit ist verboten, die Löhne sind gestiegen etc. pp. Marx würde hier auch gar keinen Widerspruch anmelden. Im ,Kommunistischen Manifest‘ malte er zwar ein Verelendungsszenario, aber es war ja auch eine Kampfschrift. Im ,Kapital‘ analysiert Marx dann später selbst, dass Arbeiter durch Lohnerhöhungen den „Kreis ihrer Genüsse“ erweitern, dass sie sogar in begrenztem Ausmaß Ersparnisse bilden können. Das ist so ja auch passiert. Aber man sollte daran erinnern, dass das nicht vom Himmel gefallen ist und es immer zur Disposition steht, insbesondere in Krisen. Gibt es eine Inflation, dann ist der Notgroschen schwupps nichts mehr wert. Und so richtig es ist, auf die Errungenschaften zu verweisen, so darf nicht ausgeblendet werden, dass sie auch im Jahr 2018 längst nicht für alle und überall gelten, und dass es immer wieder zu Rückschlägen kommen kann. Für Marx war ein auskömmlicher Zugang zu Nahrung und Wohnung übrigens gar nicht das abschließende Moment, das Freiheit bringt, sondern die disponible Zeit, also Selbstbestimmung, Muße, Kontemplation. Die wachsende Produktivkraft durch Technologie könnte davon viel mehr freisetzen. Gemessen daran ist der Anstieg von Wohlstand für eine traurige Mehrheit gering gewesen. Die Frage bleibt also aktuell, was alles möglich wäre, und immer auch, auf wessen Kosten der heutige Wohlstand erlangt wurde – Arbeiter, Umwelt, Dritte Welt.

Global scheitern aber auch neure sozialistische, kommunistische Experimente wie in Südamerika – warum?

Sozialismus oder Kommunismus würde ich das nicht nennen. Eher Marktwirtschaft mit extrem starken staatlichen Eingriffen, basierend auf der Ausbeutung von Naturressourcen für den Export. Daneben sind es auch wieder autoritäre Regime. Und generell gilt: Wie sich auch DDR und Sowjetunion nicht auf marxsche Blaupausen des Sozialismus berufen konnten, gilt das für Venezuela oder andere Länder genauso, weil Marx eine solche niemals aufgeschrieben hat.

Kaufen die Leute eigentlich seine Bücher?

Oh ja! Nach der Wende gab es einen Einbruch. Wir hatten beim Karl Dietz Verlag Jahre, da haben wir kaum mehr als 1000 Stück verkauft. Aber einen ersten Höhepunkt erreichte der Verkauf der drei Bände des ,Kapitals‘ wieder 2008, im Jahr der Finanzkrise. Offenkundig wollten sich viele Menschen darüber informieren, wie es zur Krise kam und griffen aus gutem Grund auch auf die Analysen von Marx zurück. Einen zweiten Höhepunkt erleben wir derzeit. Vom Jahr 2016 (2297 Stück) auf 2017 (2650 Stück) stieg der Verkauf um rund 20 Prozent. In diesem Jahr erwarten wir auf Basis der ersten Monate einen erneuten Zuwachs auf deutlich mehr als 3000 Stück. Das ist für ein historisches Werk eine immens hohe Zahl, die nur die wenigsten aktuellen wissenschaftlichen Titel erreichen.

Zweitverwertung hier im Blog mit freundlicher Genehmigung der Neuen Osnabrücker Zeitung, Berlin, September 2018