…e lascia dir le genti! – “Gehe Deinen Weg, und lass die Leute reden!” Dieses Zitat stammt aus der “göttlichen Komödie” von Dante. Marx hat damit das Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals (am 25. Juli 1867, MEW 23, S.17) abgeschlossen. Ein Freund schickte mir unlängst die nähere Bedeutung dieses Ausrufs, er schrieb:
“Marx knüpft hier an den Schluss des Vorworts von „Zur Kritik“ (1859) an (eine ältere Schrift von Marx, Anmerkung SN). Dort hatte er den Gang seiner Studien skizziert und dann bemerkt, mit dieser Skizze solle nur gezeigt werden,
‘…daß meine Ansichten, wie man sie immer beurteilen mag und wie wenig sie mit den interessierten Vorurteilen der herrschenden Klassen übereinstimmen, das Ergebnis langjähriger Forschung sind. Bei dem Eingang in die Wissenschaft aber, wie beim Eingang in die Hölle, muß die Forderung gestellt werden: Hier mußt Du allen Zweifelmut ertöten. / Hier ziemt sich keine Zagheit fürderhin.’ (MEW 13, S.11)
Dieses abschließende Zitat stammt ebenfalls aus Dantes „Göttlicher Komödie“, wo der römische Dichter Vergil den Autor Dante durch die verschiedenen Kreise der Hölle führt. Zweifel und Zagheit, die beim Eingang in die Wissenschaft zu „ertöten“ sind, beziehen sich auf den Umgang mit den Ergebnissen der Analyse: sind sie Ergebnis ernsthafter Forschung, so müssen sie auch vertreten werden, egal wie viele Vorurteile der „öffentlichen Meinung“ oder der „herrschenden Klassen“ verletzt werden.
Vorurteile existieren aber auch bei der Linken, auch dort geht es nicht selten darum, sich liebgewonnene Beurteilungen der Verhältnisse durch eine Analyse bloß nicht kaputt machen zu lassen. Demgegenüber betont Marx an einer späteren Stelle des „Kapital“, dass es ihm gerade nicht um eine Kritik geht, „welche die Gegenwart zu be- und verurteilen, aber nicht zu begreifen weiß.“ (528, Fn. 324). Ohne ein „Begreifen“, das sich eben nicht vor seinen Resultaten fürchtet, egal wie sie ausfallen mögen, ist eine wirkliche Kritik schlechterdings nicht möglich!”
